Collage „Anderswelt München“: © Christoph Sauter, März 2021

„Ab nach München“.

Zusammenhängend mit der Kulturpolitik der bayerischen Residenzstadt zogen Ende des 19. Jahrhunderts aus vielen deutschen Städten und dem Ausland Scharen von Männern und Frauen, zahlreiche Künstler und Schriftsteller, in die bayerische Residenzstadt, die damals den Ruf genoss, die liberalste und kunstsinnigste Stadt im ganzen deutschen Reich zu sein. Man war in dieser Zeit davon überzeugt, dass der Aufbruch zum „neuen Menschen“, der Aufbruch in die „Moderne“ nur in München erfolgen kann und wird. Viele von denen die kommen, werden später in München zu Berühmtheiten: Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Frank Wedekind, Franz von Stuck, Hermann Obrist, August Endell, Wassily Kandinsky, Anita Augsburg, Sophia Goudstikker, Gabriele Reuter, Franziska zu Reventlow, Emmy von Egidy und Helene Böhlau. Sie alle ziehen in einen ganz besonderen Raum, in die Maxvorstadt und ins angrenzende Schwabing.

München leuchtet.

In München ist damals alles möglich und alles ist hier anders als in jeder anderen Stadt. München „leuchtet“ hier, wie Thomas Mann die Maxvorstadt in seiner Novelle Gladius Dei beschreibt. Im 19. Jahrhundert als repräsentatives Viertel angelegt, hatte die Maxvorstadt sich zum kulturellen, künstlerischen und politischen Zentrum Münchens entwickelt. Alle wichtigen kulturellen Institutionen befanden und befinden sich noch heute hier: das Universitätsviertel, die großen Museen und Sammlungen, die Bayerische Staatsbibliothek, die Kunstakademie und die Musikhochschule. Mengen an Männern und Frauen, die um 1900 zu den bekanntesten Künstlern, Schriftstellern und Frauenrechtlerinnen im Kaiserreich zählen sollten, lebten in diesem Viertel miteinander wie in einem Dorf, nur wenige Straßenzüge auseinander. Hier lief man sich ständig über den Weg und inspirierte sich gegenseitig in den vielen angesagten Cafés, Literatursalons und auf den Künstlerfesten. Hier herrschte überall Aufbruch und Umbruch. Hier lebte die Boheme und hier lebten alle Protagonisten der künstlerischen und literarischen Moderne. Hier diskutierte man am Fin de siècle über alles was möglich war.

Die 1890er Jahre

In diesem Jahrzehnt ist in München alles möglich, ist München die Stadt der Superlative. Sie ist die Stadt der Stars, die Stadt kometenhafter Karrieren. Sie ist die Stadt, in der die berühmtesten Zeitschriften  im ganzen deutschen Reich gegründet werden, der „Simplicissimus“ und die „Jugend“. Auch der Jugendstil entsteht hier und die moderne Frauenbewegung fasst Fuß. In diesem Jahrzehnt werden in München in nahezu jeder Hinsicht die Fenster zur Moderne aufgestoßen. Alles was möglich ist im deutschen Kaiserreich, wird in München ausprobiert und ausgehandelt. Durch literarische, künstlerische und architektonische Werke und mit neuartigen Lebensentwürfen. Völlig neue Formen des Zusammenlebens werden erprobt, neue Rollen als Frau und Mann ausprobiert, Sexualität und Erotik jetzt anders und offen gelebt. Alles wird in diesem Jahrzehnt ausgetestet. In keiner anderen Stadt gibt es so viele Skandale wie im München der 1890er Jahre. Gleichsam stellvertretend für Deutschland findet hier die Befreiung von den Sitten und Gebräuchen des Wilhelminischen Kaiserreiches statt. Tatsächlich ist München die Stadt, in der der Aufbruch zum neuen modernen Menschen stattfindet. Und hier – im Kontext der Münchner modernen Frauenbewegung und durch die Bücher von Münchner Schriftstellerinnen wird in diesem Jahrzehnt auch die „moderne Frau“ geboren.

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Autorin: © Ingvild Richardsen
Zitronenfotos in der Collage: Landesarchiv Berlin, B Rep. 235-FS Nr. 187, 249.