Anita Augspurg

Collage: © Christoph Sauter, Mai 2021

Anita Augspurg (1857–1943) entstammte einer bürgerlich-liberalen Mediziner- und Juristenfamilie. Ihr Vater, ein Rechtsanwalt, hatte an den Freiheitskämpfen der Revolution von 1848 teilgenommen. Um der Enge der heimatlichen Kleinstadt und auch dem höheren Töchterdasein zu entkommen, ging sie mit 21 Jahren nach Berlin, um dort das Lehrerinnen- und später auch das Turnlehrerinnenexamen abzulegen. Parallel dazu nahm sie privaten Schauspielunterricht. Später erhielt sie Engagements an der bekannten Meininger Hofbühne und anderen Theaterbühnen in Europa. Als sie volljährig war, ermöglichte ihr ein großzügiges Erbe der Großmutter ökonomische Unabhängigkeit. 1886 zog sie zusammen mit ihrer Freundin Sophia Goudstikker nach München. Hier gründete sie mit ihr das Foto-Atelier Elvira, das sich sowohl in der Münchner Moderne als auch am bayerischen Königshof schnell einen großen Ruf erwarb. Augspurg startete ihr Engagement für die Frauenbewegung im Rahmen des von Hedwig Kettler gegründeten Frauenvereins Reform. Um besser für den Kampf für die Rechte der Frau gerüstet zu sein, nahm sie seit 1893 in Zürich ein Jurastudium auf, das sie 1897 mit der Promotion abschloss. 1894 war sie Mitbegründerin und Gründungspräsidentin des in München gegründeten Vereins Gesellschaft zur Förderung der geistigen Interessen der Frau. 1896 gab sie unter großem Bedauern des Vereins den Vorsitz ab, um mit ihren sozialpolitischen Aktivitäten nicht den als gemäßigt geltenden Verein zu gefährden. 1896 startete sie eine Kampagne gegen das Ehe- und Familienrecht im geplanten Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB). Über die Öffentlichkeit Politik zu betreiben war eine Strategie, die Augspurg mit großem Geschick verfolgte. Ebenso betrieb sie Lobbying bei einflussreichen Politikern.




Sie war Deutschlands erste promovierte Juristin. Aus persönlichen Gründen (Trennung von Goudstikker) aber auch aufgrund einer anderen politischen Überzeugung verließ Augspurg 1899 ganz den von ihr in München mitgegründeten Verein, um sich nun definitiv dem „radikalen Flügel“ der bürgerlichen Frauenbewegung anzuschließen. Fortan war sie als Vorkämpferin für das Frauenstimmrecht und als radikale Pazifistin bekannt. Von der Gründung des Deutschen Vereins für Frauenstimmrecht (DVF) im Jahr 1902 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs galt ihr Kampf – zusammen mit ihrer neuen Lebenspartnerin Lida Gustava Heymann – nun international dem Frauenwahlrecht und dem Pazifismus. Zusätzlich versuchte sie, Politik im Rahmen einer Partei zu betreiben. 1903 trat sie zusammen mit Heymann der Hamburger Freisinnigen Volkspartei (FVP) bei. Als die Partei sich weigerte, die Forderung nach dem Frauenstimmrecht in ihr Programm aufzunehmen, verließ Augspurg die FVP wieder. Von 1907 bis 1914 gab sie die Zeitschrift für Frauenstimmrecht heraus.

Während des Ersten Weltkrieges tagte vom 28. April bis zum 1. Mai 1915 in Den Haag der „Internationale Frauenkongress“, an dem über 1100 Delegierte aus zwölf Ländern teilnehmen. Aus Deutschland waren hier Frauen des „radikalen Flügels“ der bürgerlichen Frauenbewegung vertreten, unter ihnen und an vorderster Front Augspurg und Heymann, die von München aus gegen den Ersten Weltkrieg agierten. Dieser Kongress protestierte gegen den Krieg als einen „Wahnsinn“, der „nur durch eine ‚Massenpsychose‘ möglich gewesen sei“. Er forderte die Regierungen zu Friedensverhandlungen auf, stellte Friedensgrundsätze auf und verlangte die politische Gleichberechtigung der Frauen. Als Hitler 1933 an die Macht kam, begab sie sich zusammen mit Heymann von einer Urlaubsreise sofort nach Zürich ins Exil. Der Nachlass bzw. das Archiv der beiden Frauen wurde von den Nationalsozialisten in München zerstört. Von Zürich aus versuchten Augspurg und Heymann, unterstützt von einem internationalen Frauen-Netzwerk, gegen Hitler und später auch gegen den Zweiten Weltkrieg zu agieren. 1941 verfassten sie ihre Lebenserinnerungen. Hier findet sich folgendes Statement: „Gewalt aber kann niemals durch Gewalt überwunden werden, sondern nur […] durch Vernunft und Geist. Diese einzig richtige Erkenntnis hat sich nicht rechtzeitig durchsetzen können – eine in ihrer Mehrheit dem Wahnsinn verfallene Menschheit ist weder durch Verstand noch Vernunft zu meistern; sie muss letzten Endes an ihrer eigenen Torheit zerschellen – Stirb und werde!“
1943 stirbt Anita Augspurg verarmt und krank in Zürich.

> Artikel von Ingvild Richardsen im Literaturportal Bayern

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Autorin: © Ingvild Richardsen
Sekundärliteratur:
Addams, Jane u.a. (2003): Women at The Hague: the International Congress of Women and its result. Illinois.
Henke, Christiane (2000): Anita Augspurg. Hamburg.
Kinnebrock, Susanne (2005): Anita Augspurg (1857-1943). Feministin und Pazifistin zwischen Journalismus und Politik. Herbolzheim.
Richardsen, Ingvild (2019): Leidenschaftliche Herzen, feurige Seelen. Wie Frauen die Welt verändert haben. S. Fischer Verlag, Frankfurt.
Pataky, Sophie (Hg.) (1898): Lexikon deutscher Frauen der Feder. Bd. 1. Berlin, S. 24f.
Twellmann, Margrit (Hg.) (1992): Lida Gustava Heymann. In Zusammenarbeit mit Dr. jur. Anita Augspurg: Erlebtes. Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850-1940. Frankfurt/M., S. 306.

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