Carry Brachvogel

Collage: © Christoph Sauter, Mai 2021

Am 16. Juni 1864 kam Carry Brachvogel als Karoline Hellmann zur Welt. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie des jüdischen Großbürgertums, war die Tochter des Kaufmanns Heinrich Hellmann, der lange in den USA, England und Hamburg gelebt hatte, und seiner Frau, der Münchnerin Zerline Karl. Mit ihren Eltern und ihrem acht Jahre jüngeren Bruder Siegmund lebte sie zunächst in der Residenzstraße, später in der nicht minder vornehmen Brienner Straße. Über ihre Kindheit und Jugend ist nur wenig bekannt. Das Lexikon deutscher Frauen der Feder von 1898 gibt an, sie habe die „Durchschnittserziehung der Kinder besserer Stände genossen“, von frühester Jugend an eine Vorliebe für fremde Sprachen und eine fast fanatische Begeisterung für Theater und Literatur besessen. Mit 19 Jahren verfasste sie den ersten Entwurf zu einem Roman, in dem sie in einer Ehe in jeder Hinsicht Gleichstellung für beide Partner verlangte. 1887 heiratete sie den katholischen Münchner Schriftsteller und Redakteur der Münchner Neuesten Nachrichten, Wolfgang Emil Brachvogel. 1888 wurde Tochter Feodora geboren, 1889 Sohn Heinz Udo. Während ihrer Ehe schrieb Brachvogel kleinere Feuilletons für Zeitschriften und verfasste den Entwurf für ein Schauspiel mit dem Titel Vergangenheit. Bereits 1892 fand die Ehe ein tragisches Ende: Wolfgang Brachvogel ertrank im Tegernsee. Statt sich in eine neue Versorgungsehe zu begeben, wie es damals im Bürgertum üblich gewesen wäre, machte sie ihren Jugendtraum wahr und arbeitete als Schriftstellerin, um selbst den Familienunterhalt zu sichern. Tatsächlich begann nach diesem Schicksalsschlag eine große Karriere als Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Feuilletonistin. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war sie in ganz Deutschland als moderne Schriftstellerin bekannt. 1894 zog sie direkt neben das Siegestor in München.

Im selben Jahr wurde ihr heute verschollenes Schauspiel Vergangenheit in Frankfurt und München uraufgeführt. 1895 erschien dann ihr Debüt-Roman Alltagsmenschen. Ihr damaliger Förderer und Berater war Ernst Freiherr von Wolzogen, der sie zum S. Fischer Verlag vermittelte. In Alltagsmenschen hatte Brachvogel satirisch das Münchner Bürgertum des ausgehenden 19. Jahrhunderts präsentiert und dargestellt, wie ihre Hauptfigur, die Münchnerin Elisabeth, nach ihrer Heirat das typische Leben einer bürgerlichen Frau vor der Jahrhundertwende führt. Mit der Darstellung von Elisabeths Kindheit, Jugend und ihrem späteren Dasein als Ehefrau und Ehebrecherin übte sie Kritik an der Rolle, die Frauen in der damaligen bürgerlichen Gesellschaft zugewiesen wurde. Damit lag sie auf einer Linie mit der in München Fuß fassenden bürgerlichen Frauenbewegung. Von der Kritik wurde Brachvogels Debüt-Roman gepriesen. Bereits 1895 gehörte sie für Christian Morgenstern zusammen mit Elsa Bernstein, Fannie Gröger und Elsbeth Meyer, zu dem „vierblättrigen Kleeblatt moderner Frauenliteratur, das ich mir im Garten von S. Fischers Verlag in Berlin gepflückt“.

Am Siegestor eröffnete Brachvogel um 1895 einen literarischen Salon, der sich zu einer Münchner Institution entwickelte. Auch Rainer Maria Rilke verkehrte dort: „Das eigentlich intime Künstlermünchen lernt man bei den sogenannten ‚Tees‘ kennen – auf den Referentensitzen kann man immer das scharfe Profil der Frau Carry Brachvogel entdecken, deren geistvolle Bosheit und deren treffenden Witz man an ihren Teeabenden genießen muss.“ Dass er aber durchaus auch in engerem Kontakt zu der Salonière stand, davon zeugt ein Gedicht, das er ihr 1898 zugeeignet hat. Es findet sich in seinem Gedichtband Advent unter „Gaben an Freunde“.




Bis 1901 veröffentlichte Brachvogel weitere Bücher im S. Fischer Verlag. In der Wahl der Genres und der Themen präsentierte sie sich als eine ausgesprochen vielseitige und produktive Schriftstellerin. 1897 erschien ein Novellenband unter dem Titel Der Erntetag und Anderes. Sie alle kreisten um das Verhältnis der Geschlechter und um die Rolle und Stellung der Frau. Zugleich wandte sie sich auch historischen Themen zu. 1900 kamen z.B. Die Wiedererstandenen. Cäsarenlegenden heraus. Berühmte historische Gestalten und mythische Figuren wurden hier in einen neuen zeitlichen und räumlichen Zusammenhang gesetzt. Brachvogel galt als große Kennerin des Theaters und arbeitete selbst vor 1900 in München und Berlin auch immer wieder als Schauspielerin. 1904 wurde sie von der Wiener Zeit als Feuilletonistin entdeckt, ebenso vom Wiener Tagblatt. Ihre dort veröffentlichten Feuilletons machten sie so bekannt, dass auch reichsdeutsche Blätter auf sie aufmerksam wurden.

1903 wurde Brachvogel Mitglied im Münchner Verein für Fraueninteressen. 1913 gründete sie mit ihrer Freundin, der Schriftstellerin Emma Haushofer-Merk, und mit Unterstützung des Vereins für Fraueninteressen den Münchner Schriftstellerinnenverein. Zweck dieses Vereins war der Zusammenschluss der in München lebenden Schriftstellerinnen und Journalistinnen. Er setzte sich zum Ziel, den Beruf der Schriftstellerin zu etablieren und seine Mitglieder in jeder Hinsicht zu unterstützen. Im Mittelpunkt stand Satzung 5: Es wurde von den Mitgliedern erwartet und gefordert, dass sie im geschäftlichen Verkehr Interessen und Ansehen des Standes in jeder Weise wahrten, insbesondere Arbeiten nicht zu Schleuderpreisen oder umsonst abgaben, damit mit dem bei vielen Redaktionen herrschenden Vorurteil gebrochen werden konnte, dass Frauenarbeit billiger entlohnt werden dürfe als Männerarbeit. Insgesamt 68 von Münchens bekannteste Schriftstellerinnen und Journalistinnen wurden Mitglieder: unter ihnen z.B. Ricarda Huch, Annette Kolb und Isolde Kurz, Elsa Bernstein, Anna Crossaint-Rust, Eva Gräfin von Baudissin, Helene Raff, Frieda Port und Emma Klingenfeld.

Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten erhielt Brachvogel 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft Berufsverbot als Schriftstellerin. Auch den Vorsitz über den Münchner Schriftstellerinnenverein musste sie abgeben. 1942 wurde sie zusammen mit ihrem Bruder, dem Historiker Prof. Dr. Sigmund Hellmann, nach Theresienstadt deportiert, wo beide wenig später zu Tode kamen.

> Artikel von Ingvild Richardsen im Literaturportal Bayern

Zu Carry Brachvogel erschien der Film:
Im Weiß-Blauen Land. Die Schriftstellerin Carry Brachvogel.
Regie: Michael Appel, Buch: Ingvild Richardsen und Michael Appel, wissenschaftliche Beratung: Ingvild Richardsen. Dauer: 30 Min. Erstausstrahlung: Bayerisches Fernsehen (BR), 20.1.2014

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Autorin: © Ingvild Richardsen
Sekundärliteratur:
Karl, Michaela (2008): Bayerische Amazonen. Zwölf Frauenporträts aus zwei Jahrhunderten. Piper Verlag, München.
Pedarnig, Dietlind; Ziegler, Edda (Hg.) (2013): Bayerische Schriftstellerinnen. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 78-83.
Richardsen, Ingvild (2013): Carry Brachvogels Alltagsmenschen (1895). In: Carry Brachvogel: Alltagsmenschen. Text der Erstausgabe von 1895. Hg. und mit einem Nachwort versehen von Ingvild Richardsen (edition monacensia). Allitera Verlag, München, S. 155-175.
Dies. (2013): Wer war Carry Brachvogel? In: Carry Brachvogel: Im Weiß-Blauen Land. Bayerische Bilder. Text der Erstausgabe von 1923. Hg. und mit einem Vor- und Nachwort versehen von Ingvild Richardsen (edition monacensia). Allitera Verlag, München, S. 121-150.
Dies. (2014): Carry Brachvogels Der Kampf um den Mann (1910). In: Carry Brachvogel: Der Kampf um den Mann. Text der Erstausgabe von 1910. Hg. und mit einem Nachwort versehen von Ingvild Richardsen (edition monacensia). Allitera Verlag, München, S. 215-249.
Dies. (2014): Carry Brachvogels Schwertzauber (1917). In: Carry Brachvogel: Schwertzauber. Text der Erstausgabe von 1917. Hg. und mit einem Nachwort versehen von Ingvild Richardsen (edition monacensia). Allitera Verlag, München, S. 132-162.
Dies. (2014): Warum ist Carry Brachvogel (1864-1942) heute vergessen? Carry Brachvogel – eine berühmte Münchner Schriftstellerin und Frauenrechtlerin zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ein vergleichender Blick auf Franziska von Reventlow (1871-1918). In: Karg, Ina; Jessen, Barbara (Hg.): Kanon der Literaturgeschichte. Facetten einer Diskussion (Germanistik, Didaktik, Unterricht, 12). Peter Lang, Frankfurt am Main u.a., S. 299ff.

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