Marie Haushofers Festspiel zum 1. Allgemeinen Bayerischen Frauentag in München 1899

Collage: © Christoph Sauter, Mai 2021

Das Finale des Ersten Allgemeinen Bayerischen Frauentags am Samstagabend übertraf wohl alle Erwartungen. Der erste Frauenkongress in Bayern endete mit einem großen Festabend zu Ehren der aus ganz Bayern angereisten Gäste. Wie aus dem im August 1899 verschickten Einladungsschreiben und Programm ersichtlich ist, sollte der Festabend ursprünglich im großen Saal des Hotels Bayerischer Hof stattfinden. Aus bisher unbekannten Gründen wurde er dann aber in ein anderes, damals gleichfalls sehr bekanntes Hotel verlegt, das „Katholisches Kasino“ genannt wurde, in der Nähe der Pinakotheken lag und mit einem großen Theatersaal ausgestattet war. Am Festabend des Ersten Bayerischen Frauentages trat vollends zutage, was für eine große Rolle Literatur, Theater und Dichtung als politisches Instrument spielten. Im Mittelpunkt des Abends stand die Aufführung eines Stücks, das im Programm mit dem Titel Culturbilder aus dem Frauenleben angekündigt wurde. Die Verfasserin und Dichterin war die Malerin Marie Haushofer, die zu dem Zeitpunkt erst 28 Jahre alt war. Frühere dichterische Aktivitäten legen allerdings ihre Präsenz in den literarischen Salons der Stadt und die sehr enge Freundschaft zu den Schriftstellerinnen Carry Brachvogel und Emma Merk nahe, die beide genau wie sie an vorderster Front in der Münchner Emanzipationsbewegung, im Verein für Fraueninteressen, engagiert waren. Abgesehen davon war ja auch ihr Vater ein sehr bekannter Dichter, der seiner künstlerisch begabten Tochter von klein auf das Schreiben und Dichten beigebracht hatte, wie auch in der Familie überliefert ist. Auf Fotografien ist zu sehen, wie sie schon als ganz junges Mädchen zusammen mit ihrem Vater bei Theateraufführungen in literarischen Zirkeln mitgespielt hat.

Regie, so kann man in den Münchner Neuesten Nachrichten lesen, führte bei der Aufführung von Haushofers Dichtung Sophia Goudstikker. Einen optischen Eindruck der Aufführung, die am 21. Oktober 1899 stattgefunden hat, vermitteln noch heute 14 Szenenfotografien, die Goudstikker entweder bereits vor oder nach der Aufführung mit allen Darstellern und Darstellerinnen in ihrem Fotostudio angefertigt hat. Die 14 überlieferten Fotografien sind in ein ledernes Fotoalbum eingebunden, das die Aufschrift Marie Haushofer’s Festspiel zum 1. Allgemeinen Bayerischen Frauentag in München 18.– 21. Oktober 1899 trägt und einstmals Goudstikker gehört hat. Wie die überlieferten Szenefotografien zeigen, wirkte damals ein Großteil der Hauptprotagonistinnen und Hauptprotagonisten der Münchner Szene als Darsteller mit: Emma Merk, Marie Haushofer, Martha Haushofer, Carry Brachvogel, Sophia und Mathilde Goudstikker, August Endell, Hermann Obrist und auch Max Haushofer. Da einige Darsteller und Darstellerinnen verkleidet waren und auch Perücken trugen, lässt sich der Großteil der auf den Fotografien dargestellten Personen heute nicht identifizieren. Gesichert ist auch nicht, ob die Personen, die man auf den Fotos als Darsteller sehen kann, in jedem Falle mit den Schauspielern und Schauspielerinnen am Festabend identisch waren. Auf zwei Szenefotografien sind auch Hedwig Pringsheim und ihre 16-jährige Tochter Katja Pringsheim, spätere Mann, zu erkennen. Dass die Pringsheims bei der Herstellung der Fotos für das Album mitwirkten, erklärt sich von daher, dass Hedwig Pringsheim Mitglied im Verein für Fraueninteressen war und außerdem auch in gesellschaftlichen Kontakt mit Max Haushofer, seiner Tochter Marie und seiner Schwiegertochter Martha, geb. Mayer-Doss, stand.

Das von Marie Haushofer verfasste Festspiel Culturbilder aus dem Frauenleben und die dazu erstellten Szenefotografien der Fotografin und Regisseurin Sophia Goudstikker wurden erstmals und vollständig 2018 in der Ausstellung Evas Töchter – Münchner Schriftstellerinnen und die moderne Frauenbewegung 1894–1933 in der Monacensia und begleitend dazu im gleichnamigen Buch von Dr. Ingvild Richardsen veröffentlicht.

„Evas Töchter“, erschienen im Volk-Verlag am 1.4.2018
Autorin: © Ingvild Richardsen
Szenenbilder aus dem Festspiel: © Stadtarchiv München, DE-1992-FS-ALB-139-01 bis -13

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