1. Allgemeiner Bayerischer Frauentag

Collage: © Christoph Sauter, Mai 2021

„Es lebe die Freiheit, es lebt, wer gewann, im Kampfe den Sieg, im Siege den Mann! Und ist er besiegt, so ist er uns Knecht, Wir schaffen uns selber unser Recht.“ Diese Zeilen aus dem Festspiel der Schriftstellerin Marie Haushofer waren Teil einer Aufführung, die im Oktober 1899 auf dem Ersten Allgemeinen Bayerischen Frauentag in München stattfand. Als Amazonen verkleidete Damen der besseren Gesellschaft kämpften in München für ihre Rechte als Frauen, für das Recht auf Bildung, Beruf und Erwerbstätigkeit, für das Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, für Gleichstellung und Gleichberechtigung. Zu den zentralen Zielen der modernen Frauenbewegung in Bayern gehörte damals auch die Idee, die Frauen Bayerns in effektiven Netzwerken zusammenzuschließen und Veränderungen der Gesellschaft nicht in Gegnerschaft zu den Männern, sondern gemeinsam mit ihnen anzustreben.

Vor über 120 Jahren, am Mittwoch, den 18. Oktober 1899, wurde in München der Erste Allgemeine Bayerische Frauentag eröffnet, der am 21. Oktober 1899 mit einem fulminanten Festabend endete.

Fast 30 Jahre, nachdem die Emanzipationsbewegung in Deutschland von Leipzig aus um 1865 ihren Anfang genommen hatte, kamen 1899 erstmals Frauen aus ganz Bayern auf Initiative der Münchner Kolleginnen in der Residenzstadt zusammen. Sie wollten damit die Bewegung in Bayern entfachen und bekanntmachen. Ausgehend von München entwickelte sich in Bayern vor allem eine bürgerliche Frauenbewegung. Tatsächlich wurden auf dem ersten bayerischen Frauenkongress 1899 Forderungen für die Zukunft formuliert, die bis heute gültig bleiben, ja sogar höchst aktuell sind: so z.B. nach Bildung und Beruf, Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung, nach Gleichberechtigung und Gleichstellung, nach gleicher und gerechter Entlohnung von Frauen.

Aus unserer heutigen Perspektive betrachtet war dieser Frauentag ein großer Kongress, der mit Informationen, Diskussionen und politischer Willensbekundung die Öffentlichkeit für die Frauenbewegung interessieren und die Frauen Bayerns motivieren wollte, sich für deren Ideale und Ziele zu interessieren und zu engagieren. Dass Münchens Frauenrechtlerinnen dafür die Bezeichnung „Allgemeiner Bayerischer Frauentag“ wählten, legt nahe, dass die Veranstalterinnen für ihren Arbeitskongress einen geradezu parlamentarischen Charakter ansetzten und beanspruchten. Tatsächlich stellten sie sich mit ihrem ersten Frauentag selbstbewusst in eine Reihe mit Parlamenten wie dem Landtag oder dem Reichstag. Angesichts der Tatsache, dass Frauen bis dahin von der politischen Mitwirkung ausgeschlossen waren, ja, dass Frauen in Bayern noch bis zum Jahr 1908 der Beitritt zu politischen Vereinen verboten war, imponiert dieser sehr mutige Akt noch heute.

Es war die Münchner Frauenbewegung, namentlich der 1894 gegründete Verein für Fraueninteressen, der den Frauentag im Oktober 1899 in Zusammenarbeit mit sieben weiteren Münchner Frauenvereinen organisierte und durchführte, und dem es damit erstmals im Wilhelminischen Kaiserreich gelang, die große gesellschaftliche öffentliche Bühne zu erobern und für ihre Belange zu interessieren. Die Frauenrechtlerinnen, moderne Frauen aus München und ganz Bayern, durften in den Saal des Alten Rathauses einziehen, den der Magistrat der Stadt ihnen bewilligt hatte. Sie durften hier erstmals öffentlich über die Stellung und Rolle der Frau in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft diskutieren. Im Café Luitpold, im Alten Rathaus München, und im Katholischen Kasino präsentierten sie damals ihre Vorstellung von der „modernen“ Frau.

Zur Krönung kam am abschließenden Festabend auch das bereits eingangs zitierte, in diesem Sinne geschriebene programmatische Festspiel Marie Haushofers zur Aufführung. Es führte die Rollen von Frauen in verschiedenen Jahrhunderten und Kulturen vor, zeigte, wie sie sich schließlich am Ende des 19. Jahrhunderts zu Arbeit, Freiheit und dem Zusammenschluss emporrangen. Es forderte das weibliche Publikum abschließend explizit zur aktiven Gestaltung von Gegenwart und Zukunft in Bildung, Wissenschaft und Kunst und zur Bildung von Frauennetzwerken auf. Geschrieben hatte das Festspiel die 28-jährige Malerin und Dichterin Marie Haushofer (1871 – 1940), die Tochter des im ganzen Deutschen Reich sehr bekannten Dichterphilosophen und Professors für Volkswirtschaft, Dr. Max Haushofer (1940–1907), die Enkelin des ebenfalls bekannten Chiemsee-Malers Maximilian Haushofer (1811–1866), der um 1840 auf der Fraueninsel eine Künstlerkolonie gegründet hatte. Regie führte die königlich-bayerische Hof-Fotografin Sophia Goudstikker (1865 – 1924), eine gebürtige Niederländerin, die 1898 die bayerische Staatsangehörigkeit beantragt und erhalten hatte und damals – zusammen mit ihrer früheren Lebenspartnerin Anita Augspurg (1857–1943) – Inhaberin des beliebten Fotostudios und Hof-Ateliers Elvira war. Erst 1898 hatte es der Jugendstilkünstler August Endell (1871–1925) in Zusammenarbeit mit den beiden Frauen in einem neuen Stil, dem Jugendstil, gestaltet und mit einer spektakulären Fassade versehen. Bis heute zählt das damalige, durch die Nationalsozialisten zerstörte Fotoatelier zu den bedeutendsten und markantesten Jugendstilbauten Deutschlands.

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Autorin: © Ingvild Richardsen

Aus:
Frei und gleich und würdig – Die Frauenbewegung und der Erste Bayerische Frauentag 1899, Dr. Ingvild Richarden, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 2019.

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