Helene Böhlau

Collage: © Christoph Sauter, Mai 2021

Helene Böhlau wurde 1856 in ein hochkultiviertes Elternhaus geboren, in dem Kultur, Kunst und Literatur eine herausragende Rolle spielten, ihre Mutter, Therese Thon, stammt aus einer alten bedeutenden Juristenfamilie. Das Mädchen erhielt eine sorgfältige Erziehung, wurde auch auf viele Reisen ins Ausland geschickt. Bald aber begann sie andere Wege zu gehen, als alle Frauen in ihrer Familie. Es begann damit, dass sie in Weimar Friedrich Arnd (1839–1911) kennenlernte, der das Geographische Institut leitete. Er war mit seiner Cousine verheiratet, mit der er auch vier Kinder hatte. Er hatte bereits ein Theaterstück geschrieben und animierte Helene dazu, zu schreiben und Schriftstellerin zu werden. Nachdem er ihr bei ihren ersten literarischen Versuchen unter die Arme gegriffen hatte, begann sie seit 1882 Novellen und Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Bald verliebten sich beide und flüchteten 1886 nach Konstantinopel. Hier konvertierte Friedrich Arndt zum Islam, wurde türkischer Staatsbürger und nannte sich fortan Omar al Raschid Bey. Er und Helene heirateten auch in Konstantinopel. Damit war der Skandal perfekt. Helenes Vater enterbte seine Tochter und verbot ihr das Haus. Omar al Raschid führte nun zehn Jahre lang einen Prozess mit seiner Ex-Frau. 

Nachdem das Paar später einige Zeit in Tirol gelebt hatte, zog es 1890 nach München in die Schönfeldvorstadt, wo man die Dinge insgesamt etwas lockerer zu sehen schien. Hier lebten ja auch Sophia Goudstikker, Anita Augspurg, Emma Merk, Marie und Max Haushofer. Bald stand auch Böhlau in engem Kontakt zu ihnen und dem modernen Künstler- und Literatenkreis. Sie ließ sich im Atelier Elvira in den unterschiedlichsten Posen fotografieren, einmal sogar mit einem Kopftuch, passend zum islamischen Glauben ihres Mannes, der nach seiner Wiederkehr aus Konstantinopel nur noch in Kaftan und Fez herumlief. Er arbeitete in München weiter an seinem großen philosophischen Werk Das hohe Ziel der Erkenntnis, das islamische und östliche Philosophieströmungen verband und das seine Frau nach seinem Tod veröffentlichte. 




Ihre Bücher veröffentlichte Böhlau unter ihrem Geburtsnamen, manchmal auch mit dem Zusatz „Frau al Raschid Bey“. Seit 1882 publizierte sie Novellen und Romane, die sich in zwei Themengruppen gliedern lassen: das emanzipatorische Recht der Frau (Im frischen Wasser, 1891; Der Rangierbahnhof, 1896; Das Recht der Mutter, 1896; Halbtier, 1899 und ihre Weimarer Vergangenheit (Ratsmädelgeschichten, 1888; Altweimarische Geschichten, 1897; Der gewürzige Hund, 1916; Die leichtsinnige Eheliebste, 1925. 1913 stellte sie klar, dass man sie zwar aufgrund ihres Romans Halbtier „Frauenrechtlerin“ nenne, sie aber letztlich mit der Reduktion auf diesen Begriff missverstanden habe: „Der Roman war der Ausdruck des Erstaunens, des Erschrecktseins – Ich hatte mit einem tiefen, bestürzten Blicke gesehen, dass die Frau, die geistig leben und arbeiten will, ganz ohne Traditionen ist, missachtet und belächelt. – Ich hatte mir das nicht so vorgestellt. Ich erkannte, dass den Frauen keine geistige Vergangenheit zugehört, dass sie so wenig Spuren auf Erden hinterlassen hatten, wie die Wellen und Tiere, – Ein Weh sondergleichen! […] Tiefere Einsicht hat mich gelehrt, dass stille Taten der Seele, von denen die Welt nichts weiß, lebendiger und größer sein können als alles Wissen dieser Welt. Ja, dass die Tat an sich das Höchste auf Erden nicht ist.“ (Wilhelm Zils (Hg.): Geistiges und künstlerisches München in Selbstbiographien. München 1913., S. 6 f.)

Als Omar al Raschid 1911 starb, sah sie es als ihre Aufgabe an, sein Werk bekannt zu machen. Deshalb gab sie 1912 Das Hohe Ziel der Erkenntnis im Piper Verlag heraus. 1913 wurde sie Mitglied im Münchner Schriftstellerinnenverein. Ihr Wirken und Schaffen überblickend schrieb Böhlau: „Meine eigene Arbeit war mir immer eine Daseinsfreude, eine Heimat, trotzdem ich schwer arbeite und der Ausdruck mir nicht leicht zu Gebote steht, und was ich erkannte, musste aus der Tiefe des Erkennens und Empfindens geschöpft werden, und es wurde oft ein Ringen danach, mich verständlich zu machen“. (ebd.).
Die Schriftstellerin starb am 26. März 1940 und wurde auf dem Friedhof in Widdersberg bei Herrsching am Ammersee im Familiengrab beigesetzt. (Inschrift „Helene Böhlau al Raschid Bey“.)

> Artikel von Ingvild Richardsen im Literaturportal Bayern

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Autorin: © Ingvild Richardsen
Sekundärliteratur:
Brinker-Gabler, Gisela (1988): Perspektiven des Übergangs. Weibliches Bewußtsein und frühe Moderne. In: Dies. (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen. Bd. 2. C.H. Beck, München, S. 169-205
Bruns, Brigitte; Herz, Rudolf (Hg.) (1985): Hof-Atelier Elvira 1887-1928. Ästheten, Emanzen, Aristokraten. Münchner Stadtmuseum. München, S. 96, S. 176f. u. 185.
Friedrichs, Elisabeth (1981): Die deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein Lexikon. Metzler, Stuttgart, S. 4.
Schwerte, Hans (1955): Böhlau, Helene. In: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 376f. URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118878484.html, (14.12.2017).
Seidel, Ina (1970): Lebensbericht 1885-1923. Stuttgart, S. 165.
Soergel, Albert (1880): Dichtung und Dichter der Zeit. Eine Schilderung der deutschen Literatur der letzten Jahrzehnte. 3. unveränd. Abdruck. Voigtländer Verlag, Leipzig.
Verein für Fraueninteressen (1897): 3. Jahresbericht. München.
Zils, Wilhelm (1913) (Hg.): Al Raschid Bey. In: Geistiges und künstlerisches München in Selbstbiographien. Max Kelleres Verlag, München, S. 6f.

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