Hermann Obrist

Collage: © Christoph Sauter, Mai 2021

1910 malte Kandinsky in München das erste abstrakte Bild, aber bereits 15 Jahre vor ihm beschäftigte sich Hermann Obrist (1862-1928) hier mit Formprinzipien und Theorien, die der ungegenständlichen Kunstauffassung sehr nahestanden.
Sein Werk, von dem vieles nur bruchstückhaft erhalten ist, zeigte schon damals völlig neue Formen: phantastische, manchmal erschreckende Gebilde, die eine andersartige Kunstform ankündigten. Außergewöhnlich ist, dass die Objekte, die er entwarf und schuf – er besaß eine somnambule Veranlagung –, ihm seit 1886 in zahlreichen Visionen erschienen. Über sein Leben und seine Visionen hat er schriftlich in seinem später verfassten Manuskript Ein glückliches Leben ein genaues Zeugnis abgelegt. Auf Grund neuerer Forschungen gilt Obrist als Inspirator der Stilwende um 1900 in München. Er beeinflusste entscheidend August Endell, Otto Eckmann und den gesamten Kreis der Debschitz-Schule, Franz von Stuck und Wassily Kandinsky. 1894 war er mit der Stickerin Berthe Ruchet aus Florenz mit seinem Stickereiatelier nach München gekommen, in die Wohnung von Goudstikker und Augspurg in der Kaulbachstr. 51a. Er selbst zog in eine Wohnung ein paar Straßen weiter. 1896 befanden sich im ersten Stock dieses Hauses dann auch noch die Redaktionsräume des Simplicissimus, den Albert Langen seit 1896 hier herausgab. Wie überlieferte Foto-Porträts zeigen, ließ Obrist sich bald von Goudstikker im Elvira in Szene setzen. Er selbst erhielt von der Familie Goudstikker ein Jahr später als Bildhauer auch einen Porträtbüstenauftrag. Es ist davon auszugehen, dass sowohl Ruchet als auch Obrist noch im Herbst 1894 Mitglieder in der ein halbes Jahr zuvor gegründeten Gesellschaft für geistige Interessen der Frau geworden sind. Auf der ersten überlieferten Mitgliederliste von 1896 finden sich beider Namen.




1896 war sein großes Erfolgsjahr, er wurde zum führenden Kopf des Münchner Kunstgewerbes und der neuen Kunstrichtung des Jugendstils. Alpenveilchen wurde vom 12. bis 15. März 1896 als Teil eines aus 29 Wandteppichen bestehenden Zyklus im Kunstsalon Littauer (am Odeonsplatz) gezeigt, Ende März folgt eine Ausstellung mit ornamentalen Stickereien im Lichthof des Kunstgewerbemuseums Berlin. Auf der Internationalen Kunstausstellung in Berlin war er ebenso vertreten wie auf der Kunstausstellung der Secession in München. Schließlich schaffte er es nach London, wo Alpenveilchen von der Arts and Craft Society ausgestellt wurde. Alpenveilchen war die revolutionäre Stickerei von Obrist, die seit 1896 alle modern gesinnten Menschen in München, Berlin und London begeisterte und die bald, ja bis heute, nur noch als Der Peitschenhieb bekannt war: Über einen großformatigen Wandbehang schlängelt sich mit kühnem Schwung eine kunstvoll ausgeführte Kalligrafie. Diese meisterliche Ausführung von Obrists künstlerischem Entwurf ist Ruchet zu verdanken.

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Autorin: © Ingvild Richardsen
Sekundärliteratur:
Eva Afuhs/Andreas Strobl (Hg.): Hermann Obrist. Skulptur/Raum/Abstraktion um 1900. Kat. Ausst. Museum Bellerive, Museum für Gestaltung Zürich/Staatliche Graphische Sammlung München, Zürich 2009; Hermann Obrist: Wegbereiter der Moderne. Ausstellungskatalog zur Ausstellung in der Stuckvilla. Konzeption und wissenschaftliche Bearbeitung v. Siegfried Wiechmann. München 1968; Siehe die polizeilichen Meldebögen von Sophia Goudstikker, Berthe Ruchet und Hermann Obrist im Stadtarchiv München. Vgl. auch Dagmar Rinker: Der Münchner Jugendstilkünstler Hermann Obrist (1862 – 1927). München 2001, S. 33, Anm., 97, 98. Anhand des polizeilichen Meldebogens von Berthe Ruchet im Münchner Stadtarchiv und der Stadtadressbücher lassen sich die Daten zur Übersiedlung von Obrists Stickereiatelier von Florenz nach München präzisieren. Polizeilicher Meldebogen Ruchet: „Zweck des Aufenthalts: „Gründung eines Stickereiateliers“. Wohnungen: 16.9.1894 Von-der-Tann-Straße 13/2; 24.9. 1894 Kaulbachstraße 51a/III bei S. Goudstikker; 2.10. 1896 Theresienstraße 67/I bei Kühne; 25.6.1899 Hohenzollernstraße 5/4 bei Trumpp; ohne Daten Abreise in die Schweiz; 6.2. 1900 Georgenstraße 7/0. Auch in den Stadtadressbüchern der Jahre 1895 und 1896 wird in Zusammenhang mit Berthe Ruchet das Kunststickerei-Atelier in der Kaulbachstraße 51a/III angegeben. Vgl. Dagmar Rinker: Der Münchner Jugendstilkünstler Hermann Obrist (1862-1927). München 2001, S. 33 f.

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