Sophia Goudstikker – Fotografin, Feministin, Förderin

Collage: © Christoph Sauter, Mai 2021

Die 1865 in den Niederlanden, in Rotterdam, als Tochter eines jüdischen Kunsthändlers geborene, in Hamburg und Dresden aufgewachsene Sophia Goudstikker war eine der führenden Vertreterinnen der modernen Frauenbewegung im kaiserlichen Deutschland. 

Bevor sie mit ihrer Partnerin Anita Augspurg 1886 nach München zog, besuchte sie in Dresden für ein Jahr eine private Malschule von deren Schwester.  In der bayerischen Residenzstadt ließ sie sich anschließend im Winter 1886/87 zusammen mit Augspurg in einem Atelier zur Fotografin ausbilden.
Mit ihrer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft, mit ihren kurzgeschnittenen Haaren und ihren skandalträchtigen Ausflügen im Englischen Garten auf dem Fahrrad oder dem Herrensattel zu Pferde erregten die beiden Frauen in München großes Aufsehen. Gewandt nutzten die beiden Frauen diese Aufmerksamkeit als Publicity für ihr Fotoatelier Elvira, dass sie 1887 in München in der Von-der-Tannstr. 15 eröffneten. 
Der Erfolg stellte sich schnell ein, sogar die Mitglieder des Königshauses und Schwabinger Künstler zählten zu ihren Kunden, und etwas mehr als ein Jahrzehnt später konnten sie 1898 den von August Endell in enger Zusammenarbeit mit ihnen entworfenen und gestalteten entworfenen Neubau ihres Ateliers im Jugendstil eröffnen. Goudstikker erhielt 1898 nicht nur die bayerische Staatsbürgerschaft, sondern auch den Titel »Königlich Bayerische Hofphotographin«, womit sie gesellschaftlich arriviert war. Sie führte das Fotoatelier äußerst erfolgreich. Ihre private Partnerschaft mit Augspurg hielt bis ins Jahr 1889/1899, dann wurde 1899 Ika Freudenberg ihre neue Lebenspartnerin.




Als Mitbegründerin der Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau trat Goudstikker schon früh als Feministin in Erscheinung. 1899 gehörte sie zu den Hauptorganisatorinnen des Ersten Bayerischen Frauentags. Schwerpunkt war für sie seit 1898 die Rechtsberatung im Verein, eine entsprechende Rechtsschutzstelle wurde 1898 von ihr selbst ins Leben gerufen und vertrat von da an sehr erfolgreich die Interessen von Frauen in allen Rechtsgebieten. Sie arbeitete noch bis kurz vor ihrem Tod am 20. März 1924 hier mit.

Doch sie trat auch als Förderin der Kunst, insbesondere des Jugendstils in Erscheinung. Seit 1894 hatte auch das Stickereiatelier des Bildhauers Hermann Obrist in ihrer Wohnung in der Kaulbachstraße 51a seinen Sitz. Hier wurde sein berühmtes Werk der sogenannte Peitschenhieb ausgeführt. Auch ihr Wohnhaus in der Königinstraße 3, in dem sie seit 1899 mit Freudenberg lebte, war von August Endell in enger Zusammenarbeit mit ihr im Jugendstil gestaltet worden.

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Autorin: © Ingvild Richardsen
Aus:
Frei und gleich und würdig – Die Frauenbewegung und der Erste Bayerische Frauentag 1899, Dr. Ingvild Richarden, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 2019.

Zitronenfoto in der Collage: Landesarchiv Berlin, B Rep. 235-FS Nr. 187

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